Ich war, wie wie vermutlich die meisten hier, natürlich schon immer gegen Rassismus und andere Diskriminierungsformen gewesen, die ich mitbekommen habe. Allerdings habe ich in den letzten Monaten und Jahren viel Neues dazugelernt und blicke seitdem mit anderen, ‘geöffneteren’ Augen auf die Gesellschaft. Einige betiteln das als “Political Correctness-Wahn” (warum “Wahn” und andere Begrifflichkeiten problematisch sind, ist nochmal ein anderes Thema, Stichwort Ableismus) und bezeichnen damit die regelmäßige Kritik an Sprache und Strukturen, die rassistisch, sexistisch, ableistisch usw. sind. Allein Gender-Sternchen fallen für einige schon in die Kategorie.

Mich in mein früheres Ich hineinversetzend, das niemandem Böses wollte, aber einfach zu wenig Wissen hatte, unterstelle ich auch jenen, die irgendwie diese Meinung teilen, erstmal Unwissen statt Böses. Wenn es dann Menschen sind, die sich in ihrem Unwissen nicht weiterbilden wollen, dann ist das wieder eine andere Sache; aber ich bin so naiv, an das Gute in Menschen zu glauben und möchte daher mit dieser Post-Reihe vielleicht ein, zwei Menschen mehr erreichen und ihnen neue Perspektiven ermöglichen. Perspektiven, die für mich, nachdem ich mich damit beschäftigt hatte, die einzig annehmbaren geworden sind.

Zum Einstieg möchte ich auf Rassismus eingehen. Aus meiner Schulzeit erinnere ich mich daran, dass wir die Betitelung “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” bekommen hatten. Es wurde außerdem der Rassismus des NS-Regimes zutiefst verurteilt. Aber das ist es eben, was ich aus heutiger Sicht als keine alleinige Lösung betrachte. Natürlich ist das NS-Regime zutiefst zu verurteilen. Aber wir leben in einer postkolonialen und postnationalsozialistischen Gesellschaft. Beides hat das geprägt, was wir heute denken und sagen. Unsere Strukturen sind davon geprägt. Es reicht nicht, mit dem Finger auf etwas zeigend zu sagen, dass das verurteilenswert ist. Vielmehr müssen wir weitergehen und reflektieren. Wir haben alle postkoloniale und postnationalsozialistische Denkweisen verinnerlicht. Wir sind alle rassistisch.

Ja, ich habe gerade auch dich rassistisch genannt. Tief durchatmen. Abwehrmechanismen und “Aber ich mag doch Vielfalt!” bringen uns nicht weiter. Genauso wenig wie diese Schul-Auszeichnungen, die ich eben erwähnte. Indem wir das abwehren, weil wir doch keine Rechten, Neonazis, AfDler oder sonst was sind, sorgen wir indirekt dafür, dass wir auch rassistisch bleiben. Don’t be that person.

Was ich sagen will: Wir haben alle Rassismus internalisiert. Zunächst einmal können wir ja nicht mal was dafür; niemand sucht sich aus, wie und wo er*sie geboren wird und wie er*sie sozialisiert wird. Aber wir suchen uns aus, wie wir damit umgehen und ob wir damit weitermachen.

Dahinter steckt eine strukturalistische Ansicht. Strukturalismus bedeutet, ganz kurz gefasst, dass etwas nicht nur durch individuelle Handlungen geschieht, sondern gesamtgesellschaftlich eine Struktur bildet. Das heißt, es sind nicht nur Beschimpfungen. Dazu gehört auch, dass man ständig anders gemacht wird. Dass man aufgrund seines Namens oder Aussehens bestimmte Zuschreibungen erlebt. Dass man dadurch benachteiligt wird: bei der Arbeit, bei der Wohnungssuche, bei Flugreisen, bei Fahrkartenkontrollen, bei Polizeidurchsuchungen, usw. usf… Es zieht sich durch alle Instanzen und bildet dadurch einen Mechanismus, der ausschließt.

Das bedeutet: einerseits geht es nicht nur um einzelne Individuen. Und andererseits ist jedes Individuum daran beteiligt.

Doing race ist da ein Stichwort. Doing deshalb, weil sogenannte “Rassen” hergestellt werden. Auch wenn sie immer wie natürliche Kategorien behandelt werden, sie sind es nicht. Die Kategorien werden aktiv hergestellt. Das entkräftigt das Argument “Es gibt gar keine ‘Rassen’ und dadurch keinen Rassismus, wir sind alle gleich” – ja, aber gesellschaftlich eben nicht. Ungleiche gesellschaftliche Stellungen sorgen dafür, dass eben nicht alle gleich sind. Ein weiteres Argument, dem ich immer wieder begegne: “Der Islam ist keine ‘Rasse’, also ist das kein Rassismus, wenn wir was gegen Muslime sagen” – der Islam bzw. muslimische Menschen werden zu einer “Rasse” gemacht, indem sie mit bestimmten Denk- und Verhaltensmustern besetzt werden. Das heißt, dass Rassismus nicht einmal was mit dem herkömmlichen Verständnis des Begriffs “Rasse” zu tun hat. Rassismus besteht gänzlich aus Konstrukten.

 

Und wie erkenne ich jetzt meinen Rassismus?

 

Die einfachste Art und Weise: Zuhören und bereit sein, zu reflektieren und zu akzeptieren. Definitionshoheit gewähren. Das heißt: jemand, der*die Rassismuserfahrungen gemacht hat, kann besser beurteilen, was rassistisch ist und hat dadurch eine berechtigtere Stimme. Oft höre ich “Das war aber nicht so gemeint”, wenn jemand auf etwas Rassistisches hingewiesen wird. Und ich glaube das. Aber genau darum geht es. Internalisierter Rassismus ist die Norm, nicht die Ausnahme. Die meisten meinen es nicht so. Darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, wie das Gesagte oder Getane ankommt. Eine gute Absicht rechtfertigt nicht, auf Rassismus zu beharren.

Ich möchte euch ein paar Situationen aus meiner Erfahrung schildern, die es vielleicht deutlicher machen. Zum Beispiel hatte ich bis vor kurzem noch einen türkischen Pass, weil man damals noch die Staatsbürgerschaft der Mutter übernommen hat, auch, wenn man in Deutschland auf die Welt gekommen ist. Mir war das absolut egal, ist doch nur ein Wisch, dachte ich damals. Bei Ausflügen oder Klassenfahrten fiel es aber immer wieder auf, weil ich die einzige war, die so ein Heftlein mit hatte, statt eines normalen Persos. Und irgendwie kam es dann dazu, dass ich immer wieder, wenn es darum ging, von einer Freundin darauf hingewiesen wurde, dass ich doch langsam mal die Staatsbürgerschaft wechseln sollte. Ich sei doch gar nicht wirklich türkisch, ich müsste doch einen deutschen Pass haben. Damals konnte ich das nicht als Rassismus benennen, ich wusste nicht einmal, warum mich diese Aussagen von ihr störten, ich wusste nur, dass sie es taten. Mit ein paar Jahren Abstand ist mir das bewusster. Ich unterstelle ihr keine böse Absicht. Sie wollte mir vielleicht damit sagen “Du bist doch nicht anders, du bist doch Eine von uns”. Aber mir gab es das Gefühl, falsch und anders zu sein. Als sei ein türkischer Pass etwas Schlechteres. Und woran erkennt man überhaupt, ob jemand mehr türkisch oder mehr deutsch ist? War ich nicht mehr wie ‘die anderen da’, weil ich ‘gut integriert’ war?

Ein anderes Beispiel ereignete sich erst vor ein paar Wochen an der Uni bei einem meiner Lieblingsdozenten. Wir sprachen über Emilia Galotti und das Ende, in dem Emilias Vater sie tötet, um sie und sich wieder reinzuwaschen – quasi. Dies bezeichnete der Dozent als “eine Art Ehrenmord”, was ja in der heutigen westlichen Gesellschaft etwas sehr Befremdliches sei. Das möge für andere Kulturkreise noch anders aussehen, sagte er danach noch, und schaute direkt meine beiden (kopftuchtragenden) Sitznachbarinnen und mich an. Als sei das nicht schlimm genug: Es hat keine*r eingegriffen. Dort saßen lauter Lehramtsstudierende und keine*r hat bemerkt, was dort geschehen war oder aber hat nichts gesagt, warum auch immer. Auch wir haben erstmal nichts sagen können, weil wir wie vor den Kopf gestoßen waren. Es war eine unglaublich unangenehme Situation und ich war Tage danach noch aufgewühlt.

Allerdings haben wir uns nach der Sitzung getraut, zum Dozenten zu gehen und ihn direkt darauf anzusprechen. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass er die Kritik angenommen und verstanden hat, aber wir mussten ihm Erklärung auf Erklärung liefern, warum das Verhalten nicht okay war und warum wir genauso wenig mit “Ehrenmorden” zu tun haben wie vermutlich alle anderen im Raum. Er hat sich am Ende entschuldigt, aber ich glaube nicht, dass er so richtig verstanden hat. Er war in Eile und nicht offen dafür, sich (in dem Moment?) zu reflektieren.

Das waren jetzt zwei Beispiele, die deutlich machen, dass Rassismus sich einerseits nicht auf rechtsradikale Übergriffe beschränkt und anderseits sehr alltäglich ist und vorkommt.

 

Was hat das jetzt mit der Buchcommunity zu tun?

 

Alles. Wenn jede*r Rassismus verinnerlicht hat, dann spielt auch in allem verinnerlichter Rassismus eine Rolle. Selbst wenn es in einem Buch nicht offenkundig um Konflikte dieser Art geht, könnt ihr so, so vieles beobachten, um festzustellen, ob etwas Rassismus produziert. Sind die “bösen” Charaktere Nicht-Weiße? Sind die Nicht-Weißen in dem Buch klischeehaft dargestellt? Oder generell falsch? Der aller häufigste Fall ist wahrscheinlich, dass ein Buch überhaupt keine Nicht-Weißen Charaktere beinhaltet. Wir nehmen Weißsein als die Norm wahr, hinterfragen das nicht und bilden uns danach unsere Vorstellungen. Bücher mit nur weißen Charakteren (oder nur heterosexuellen oder nur ‘gesunden’ Charakteren) sind kein realistisches Abbild unserer Gesellschaft. Die bewusste oder unbewusste Entscheidung, Charaktere nur weiß zu gestalten, sagt auch schon viel aus. Warum nicht einfach mal einen Schwarzen Helden in einem High Fantasy-Roman? Elfen, Orks und Einhörner sind für die Vorstellungskraft kein Problem, aber vielfältige Charaktere schon? Ein Charakter muss nicht immer eine Agenda haben, wenn er einfach nicht-weiß ist.

Ein anderes Beispiel: Katniss Everdeen wird in The Hunger Games mit olivfarbener Haut beschrieben. In den Filmen wird sie von einer weißen Schauspielerin dargestellt. Der Begriff dafür ist “White-Washing“. Oft werden nicht-weiße Charaktere auch auf den Covers weiß dargestellt. Verkaufen die sich besser? Und wenn ja, was sagt das aus?

Vielleicht fragt ihr euch noch, was das eigentlich für einen Unterschied macht.

Was finden wir besonders schön am Lesen? Wenn wir uns identifizieren können und wenn wir auf etwas hinaufblicken können. Jeder Mensch verdient es, genug Identifikationsmöglichkeiten zu haben und nicht als Nicht-Norm zu gelten. Held*innen in Büchern müssen uns alle wiederspiegeln; nicht nur einen Teil von uns.

Seid einfach wachsam. Lest kritisch. Und hört zu, wenn Betroffene sagen, dass etwas, z.B. ein Buch, Rassistisches beinhaltet. Hinterfragt die Auswahl, hinterfragt, welche Rollen wer übernimmt und was als ‘normal’ gilt und was nicht. Ich sehe bereits einen positiven Wandel in den aktuellen Veröffentlichungen – es darf gerne noch mehr werden.

Ich weiß, dass das einigen aus der Community zu ‘anstrengend’ ist. Sie möchten im Hobby nicht mit der Härte des Lebens konfrontiert werden oder haben irgendwelche anderen Gründe dafür. An dieser Stelle ist es passend, den Begriff der Privilegien einmal aufzugreifen. Es ist ein Privileg, wenn man sich von diesen Themen entfernen kann, weil sie einen nicht betreffen. Jeder Mensch, der in bestimmten Kontexten nicht marginalisiert ist, genießt Privilegien. Weiße Menschen genießen in der Regel die meisten Privilegien, weil sie überall repräsentiert werden und als Norm gelten (Stichwort “White Privilege”). Privilegien zu genießen bedeutet auch, mehr Macht zu haben. Das ist ein Aspekt des Struktur, die ich oben versucht habe, aufzudröseln. Bei dieser Struktur / diesem Mechanismus spielt Macht eine ganz große Rolle. Bestimmte Menschengruppen werden mehr benachteiligt als andere. Warum? Weil die einen mehr Privilegien und Macht genießen als die anderen. Rassismus schließt auch immer Herrschaftsmechanismen und Macht ein. Deshalb ist es kein Rassismus in dem Sinne, wenn ein nicht-weißer Mensch einen weißen Menschen “Kartoffel” nennt, weil dieser weiße Mensch dadurch nicht gesamtgesellschaftlich Benachteiligung erfährt. Stellt es euch mit einer Treppe vor. Weiße Menschen stehen auf der höchsten Treppenstufe, nicht-weiße Menschen weiter unten. Wenn von unten nach oben getreten wird, wird die oben stehende Person nicht mal richtig getroffen. Wenn von oben nach unten getreten wird, fällt die Person jedoch noch tiefer. Sie wird in den meisten Bereichen des Lebens im Vergleich zu weißen Menschen mehr benachteiligt.

Es ist fast verständlich, dass man, wenn man oben steht, dazu neigt, diese Themen außen vor zu lassen. Aber das wäre anders, würden sie weiter unten stehen. Hier heißt es: Privilegien bewusst machen, reflektieren und gemeinsam mit denen, die diese nicht haben, dafür sorgen, dass sich das ändert. Solange diese Privilegien existieren, ist unsere Gesellschaft nicht frei von Rassismus.

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