Was ist Sensitivity Reading?

Diesen Gastbeitrag schrieb Laura von Skepsiswerke.
Sensitivity Reading ähnelt einem Lektorat. Bei diesem wird der Text auf Stilblüten, Unlogiken und Fehler geprüft. Beim Sensitivity Reading Dabei prüfen Sensitivity Reader Romane hingegen auf schädliche oder missverständliche Darstellung und Mikroaggressionen.

Dabei ist es ebenso möglich, dass Texte nicht erst nach ihrer Fertigstellung gegengelesen werden, sondern bereits bei der Stofffindung mit Sensitivity Readern gesprochen wird, Autor*innen auf problematische Aspekte aufmerksam gemacht werden und ihnen Alternativen aufgezeigt werden. Dabei geht es selbstverständlich nicht darum, Themen zu verbieten oder etwa zu zensieren, sondern um Authentizität und den sensiblen Umgang mit bestimmten Themen. Letztendlich sollte sich jedoch immer die Frage gestellt werden, wie sinnvoll es ist, diesen Text zu schreiben. Denn: Bin ich als weiße, privilegierte, cis-Person der richtige Mensch dafür, einen Text über Rassismus zu schreiben?

Wer sind die Sensitivity Reader?

Sensitivity Reader sind meist Personen aus marginalisierten Gruppen (sog. Own Voices), die sich mit den Diskursen um ihr Thema auseinandersetzen. Sie haben einen Bezug zur Literatur, da sie entweder selbst schreiben, bloggen oder Texte redigieren und kennen sich damit bestens mit verschiedenen Formaten aus. Trotzdem – und das ist ein wichtiger Punkt, wenn man sich entscheidet über marginalisierte Gruppen zu schreiben und mit Sensitivity Readern zu arbeiten, unterscheiden sich die Lebenswelten von Sensitivity Readern. Das bedeutet, dass ein*e Sensitivity Reader den Text gegenliest, den Diskurs beachtet, aber trotzdem nicht für alle Menschen in seiner*ihrer Community sprechen kann. Was für einige kein Ismus ist, kann für jemand anderen doch einer sein. Manche Autor*innen ziehen deshalb verschiedene Sensitivity Reader zurate. So bekommt man verschiedene Sichtweisen auf den Text und kann so viele Ismen und Mikroaggressionen aus dem Text entfernen.

Auch wenn Autor*innen mit Sensitivity Readern zusammenarbeiten, liegt die Verantwortung bei ihnen selbst: Betreffende Gegenleser*innen helfen, sind aber kein Schutz vor Gegenmeinungen oder Kritik und auch nicht als diese gedacht. Darüber hinaus ersetzen diese kein Lektorat, da das Manuskript nicht auf Logikfehler, Plot oder Stil geprüft wird.

Ist das nicht Zensur? Muss ich mich nicht selbst zensieren?

Ist Rücksicht Zensur? Ist die Erkenntnis, dass ich Privilegien habe, die andere nicht haben, Selbstzensur? In dem Augenblick, in dem ich darauf poche, dass ich als straight Person über ein Coming-out schreiben muss, über Homofeindlichkeit schreiben muss, obwohl ich diese nie erleben werde – in dem Moment nehmen ich den Menschen aus betreffenden Communitys ihre Stimme. Dabei ist es umso wichtiger, dass diese eine Stimme auf dem Buchmarkt bekommen und darin unterstützt werden, selber ihre Lebensrealitäten mit Diskriminierung zu schreiben.

Wir, die nicht Teil diese marginalisierten Gruppen sind, haben nur eine außenstehende Perspektive auf die Dinge, eine Vorstellung, wie es sein könnte, wie es sich anfühlt. Das ist jedoch nicht die Perspektive, die der Buchmarkt braucht. De facto werden sehr viele Bücher geschrieben und dadurch – durch Unwissenheit, zu wenig Recherche, weil nicht mit Own Voices gesprochen wird – werden falsche Informationen, Vorstellungen, Mikroaggressionen und Stereotypen reproduziert. Und wenn alles daran verletzend, unwahr oder einfach verzerrt ist, führt das zu falscher Repräsentation, die sich immer weiter durchsetzt.

Die Folge: Die Menschen, denen einige mit ihren Texten vielleicht sogar helfen wollten, werden falsch dargestellt, falsch angenommen, beleidigt und verletzt. Sie werden falsch repräsentiert und falsche Repräsentation ist einfach keine Repräsentation. Wir brauchen endlich Stimmen von betroffenen Menschen.

Ein Beispiel zum Verständnis

Die Diskussion um die Buchaktion zu dem Buch „Der Insasse“ von Sebastian Fitzek war groß im letzten Jahr. Hier hatten Leute die Möglichkeit in einer Psychiatrie zu übernachten und sich zu gruseln. Tatsächlich ist die Psychiatrie nämlich kein Ort, um sich zu gruseln. Hier werden psychisch kranke Menschen behandelt, es wird ihnen geholfen, sie erfahren eine Therapie, Hilfe. Im Prinzip ist eine Psychiatrie ein Krankenhaus für psychische Krankheiten oder zumindest so ähnlich. Gibt es Thriller, die Krankenhäuser gruselig darstellen, mit Menschen, die ihr gebrochenes Bein herumschwingen?

Dennoch gibt es etliche Thriller, in denen Täter psychisch krank sind und die Krankheit der Grund und die Entschuldigung für ihre Taten sind. So wird die Mordlust, Gewalt oder Unkontrolliertheit auf die psychische Krankheit geschoben, die all das „ausgelöst“ hat. Es wird unterstellt, dass Menschen psychisch krank sein müssen, um zu Tätern zu werden und dass psychisch Kranke wohl potenziell häufig zu Tätern werden, gefährlich und unkontrolliert sind. Und das ist ein Bild, eine Stigmatisierung, die nicht zutrifft und gefährlich für Menschen in unserer Gesellschaft ist, die unter verschiedenen Krankheitsbildern leiden. So werden bis heute schizophrene Menschen als gruselig bezeichnet, Leute fürchten sich, wenn über eine psychische Krankheit gesprochen wird, man solle vorsichtig sein. Bücher, die das reproduzieren, sind eine falsche Repräsentation von Betroffenen, sie verzerren das Bild. Und es schmerzt. Und es schmerzt.

Eine Psychiatrie ist ein Krankenhaus für psychische Krankheiten oder zumindest so ähnlich. Stell dir vor, es gäbe Thriller, in denen Menschen die ihr gebrochenes Bein um die Ohren schlagen und die Leute glauben würden, es wäre Normalzustand. Jeder hätte plötzlich Angst ins Krankenhaus zu gehen.

Während diese Vorstellung regelrecht absurd wirkt, wird das stereotypische, falsche Bild von Psychiatrien immer noch für Thriller genutzt,

Mikroaggressionen

Das obere Beispiel ist ein sehr deutliches. Doch – und dafür sind Sensitivity Reader auch da – nicht alle Ismen sind so deutlich und nicht alle Stereotype so leicht erkennbar. „Mikroaggressionen“ haben viele von uns internalisiert und sie fangen bei den kleinsten Dingen an. Mikroaggressionen fangen in dem Moment an, indem wir straight-guessing vornehmen. Es geht weiter, indem wir Menschen, die nicht weiß sind, unterstellen, dass sie nicht aus Deutschland sein können, indem wir ihrem Aussehen nach Pronomen zuordnen oder nicht auf die Idee kommen, dass es mehr Geschlechter als „er“ und „sie“ gibt. De facto entstehen Mikroaggressionen, weil die Gesellschaft uns Normen vorgibt und ein jeder von uns alles mit der Norm vergleicht.

Viele Menschen nehmen an, dass Deutsche immer noch weiß sein müssten – nicht nur eine rassistische Annahme, sondern obendrein eine falsche. Damit einher geht die Frage nach der Herkunft: „Woher kommst du?“ Und auch, wenn die Frage vielleicht nett gemeint ist, man interessiert daran ist – sie ist verletzend, weil sie impliziert, dass der*die Gefragte nicht so aussieht, wie man es von einer*m „richtigen“ Deutschen voraussetzt.

Unsere Texte sind schnell gespickt mit Mikroaggressionen, sobald wir über marginalisierte Menschen schreiben. Das passiert, weil wir jahrhundertelang Normen aufsaugen, annehmen, weitertragen, allen Menschen um uns herum beibringen. Das reicht von „Obwohl Person X Krankheit XY hat, kann sie dieses und jenes tun“, „obwohl sie diese und jene Figur hat, tut sie dieses und jenes“. Die Sätze machen es deutlich, denn sie beginnen mit „obwohl“. Obwohl jemand von der Norm abweicht … – Moment, was soll das eigentlich mit der Norm?

Dafür brauchen wir Sensitivity Reader. Außenstehende, die nicht jeden Tag damit konfrontiert werden, dass sie nicht der weißen, hetero und cis Norm entsprechen (oder besser: der, die wir uns jeden Tag zurechtschustern), erkennen diese Ismen, weil sie ihnen bekannt sind.