Nora Bendzko (Autorin)

 

Gestatten, Nora Bendzko. Autorin der dunklen Phantastik, Rock- und Metal-Sängerin, Lektorin und Studentin – in dieser Reihenfolge. Mit meiner mehrfach preisnominierten „Galgenmärchen“-Reihe durfte ich schon etwas Bekanntheit in der Indie-Szene erlangen. Im Frühjahr 2021 erscheint mein erster Verlagsroman, Arbeitstitel #SchwesternDerKlinge, bei Droemer Knaur. Es handelt sich dabei um eine Aufarbeitung des Amazonenstoffes der griechischen Mythologie, mit Figuren wie der Königin Penthesilea und dem Trojanischen Krieg im Fokus. Sensitivity Reading habe ich schon öfter in Anspruch genommen, für den Amazonen-Roman geschah es zum ersten Mal vermehrt in den Bereichen lesbische Sexualität, Non-Binarität und Asexualität.

 

Warum war dir Sensitivity Reading bei diesem Projekt wichtig? Was war dein Ziel/Wunsch?

Ich konzentriere diese Antwort auf Iva Moor, die mir Sensitivity Reading im Bereich lesbische Sexualität gegeben hat. Der Amazonenstoff hat mich deshalb interessiert, weil ich das Gefühl hatte, dass er popkulturell noch nicht würdig umgesetzt wurde. Viele Amazonen, gerade in Filmen und Serien, bekleiden nur Nebenrollen. Dabei gelten sie in vielen griechischen Quellen als Frauen, die von den griechischen Helden gefürchtet wurden, z. B. soll die Amazonenkönigin Penthesilea eine der größten Gegnerinnen von Achilles gewesen sein.

Ich wollte unbedingt die Geschichte dieser Kriegerinnen, die als „männergleich” galten, erzählen. Nicht aus einer exotisierenden Perspektive von außen, sondern mit ihnen als Hauptfiguren. Als ich anfing, Quellen zu studieren und zu überlegen, wie das Leben im Amazonenreich aussehen würde, war schnell ersichtlich, dass es Liebschaften zwischen Frauen geben sollte. Da bei den Amazonen auch mit traditionellen griechischen Geschlechterrollen gebrochen wird, fand ich es logisch, die Geschichte aus der Sicht von queeren Frauen wiederzugeben. Im Zuge dessen kam es zu expliziten sexuellen Szenen. Theoretisch hätte ich an diesen Stellen wegblenden können, aber das passte für mich nicht zu einem Buch, das sich um weibliche Radikalität dreht. Wieso sollten meine Figuren ihre Sexualität verstecken? Zumal sich die Szenen um wichtige Charaktermomente drehen.

Da ich keine persönliche Erfahrungen in dem Bereich habe, war mir klar, dass ich Sensitivity Reading brauchte. Vor allem, weil die Recherche zu lesbischer Sexualität erstaunlich schwierig war. Ich konnte kaum Info-Seiten und explizite mediale Darstellungen finden bzw. wusste nicht, wie authentisch sie waren und inwieweit heteronormative Fantasie. Ich wollte aber unbedingt Szenen haben, die halbwegs realistisch sind und ein queeres Publikum ansprechen. Und genau daran haben wir im Rahmen des Sensitivity Readings gearbeitet.

 

Mit welchen Sensitivity Reader hast du zusammengearbeitet und wie lief es ab?

Iva Moor im Bereich lesbische Sexualität, Alex Rump im Bereich Non-Binarität und Michael Nitka im Bereich Asexualität. Allen habe ich den (bereits mit Testleser*innen bearbeiteten) Text zukommen lassen, wobei ich die Stellen markiert habe, die für das jeweilige Sensitivity Reading wichtig waren. Und alle haben mir zeitnah ihre kritischen Anmerkungen zukommen lassen. Ich hatte viele Aha-Momente und tiefergehende Gespräche zu den jeweiligen Themen. Es war ein unglaublich beflügelnder Prozess. Ich arbeite auch sonst eng mit meinen Testleser*innen zusammen, aber hatte noch nie so sehr das Gefühl, meinen Text auf ein viel höheres Level zu heben. Durch das Sensitivity Reading habe ich nicht nur persönlich viel gelernt, sondern meine Welt und Figuren viel runder, komplexer, tiefgründiger gemacht.

 

Inwiefern hat es deinen Roman beeinflusst? 

Es gab viele Szenen, die ich überarbeitet habe. Manchmal betraf das nur problematische Formulierungen und Darstellungen, manchmal haben sich große Dynamiken anders entwickelt. Auch kamen viele Aspekte im Nachhinein dazu, die das Worldbuilding runder gemacht haben, wie vertiefende Szenen oder Neopronomen für eine Figur. Beim lesbischen Sex hatten sich hier und da schwerwiegende heterosexuelle Klischees eingeschlichen, die teils nicht zu den jeweiligen Charakteren passten, sodass ich enstprechend umgeschrieben habe. Letztendlich habe ich viel mehr dazugeschrieben als gestrichen, sodass eine reichhaltigere Geschichte entstanden ist.

 

Was hast du für dich persönlich mitgenommen?

Mein Sensitivity Reading war eine unglaublich fruchtbare Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Für mich steht außer Frage, dass ich es auch bei zukünftigen Projekten anwenden will. Ich freue mich darauf. Meine Sensitivity Reader lassen mich mit dem Gefühl zurück, ein viel stärkeres Buch herauszubringen, als ich es aus eigener Kraft mit meinen begrenzten Erfahrungen geschafft hätte.

 

 

Iva Moor (Sensitivity Reader)

 

Mein Name ist Iva Moor, ich bin Autorin und Online Marketing-Person und durfte unlängst Nora Bendzkos Projekt, das den Arbeitstitel #SchwesternDerKlinge trägt, als Sensitivity-Leserin im Hinblick auf weibliche Homosexualität begleiten. Der Fokus lag hier insbesondere auf der Umsetzung der intimen Szenen, aber auch generell auf der Beziehung der lesbischen Protagonistin zu ihrer bisexuellen Geliebten. 

 

Was war an dem Projekt besonders?

An dem Projekt war für mich besonders, wie viel Raum und Sorgfalt die Repräsentation von diversen Lebenswirklichkeiten im Manuskript eingenommen hat. Die Autorin hat sich wunderbar viel Mühe gegeben, so klischeefrei und umsichtig wie möglich vorzugehen. Ein Träumchen! Umso schwerer ist es mir gefallen, sie dennoch auf so einige heteronormative Tropes hinweisen zu müssen. In den intimen Szenen gab es wiederholt Punkte, die in der Lebenswirklichkeit vieler lesbischen Cis-Frauen so nicht vorkommen und auch die eine oder andere anatomische Kuriosität. Bei einer ansonsten sehr runden und großartigen Figur hat sich die Heteronormativität stellenweise sogar auf die Charakterisierung ausgewirkt. Aber die Zusammenarbeit mit der Autorin hat aber ganz wunderbar funktioniert. Sie hat viel von dem Feedback angenommen, und die überarbeiteten Szenen sind nun sehr realistisch, organisch und hätten auch aus der Feder einer wlw-Autorin stammen können.

 

Was möchtest du anderen Autor*innen mitgeben?

Wenn man die Diskussionen um das Schreiben von Identitäten, die nicht die eigenen sind, mitverfolgt, kann man als Autor*in den Mut verlieren, es überhaupt zu versuchen. Das Risiko, jemanden unabsichtlich zu verletzen, ist hoch, und es gibt auch tatsächlich Geschichten, die einfach nicht unsere sind, um sie zu erzählen (Stichwort Own Voices). Trotzdem möchte ich Autoren ermuntern: Schreckt nicht davor zurück, eure Geschichten und Figurenensembles diverser zu machen. Sprecht mit Menschen aus den jeweiligen Gruppen. Lest, was sie schreiben, tauscht euch mit ihnen aus, hört ihnen zu, lernt, was ihr lernen könnt. Und selbst dann: Habt keine Scheu, einen Sensitivity Reader über euer Manuskript schauen zu lassen (oder mehrere), und fühlt euch von dem Feedback, das ihr erhaltet, nicht angegriffen. Denn auch wenn wir uns bemühen, die Scheuklappen, die unsere jeweilige Sozialisierung mit sich bringt, abzulegen: Wir haben alle blinde Flecken, und darauf aufmerksam gemacht zu werden, macht eure Geschichte letztlich nur besser – und dann hoffentlich auch den Menschen Spaß, die ihr abbilden möchtet.