Swantje Niemann (Autorin)

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(c) privat

Ich bin Swantje Niemann und schreibe Fantasy (gelegentlich Kurzgeschichten, aber vor allem Romane). Bisher habe ich die ersten beiden Bände einer Steamfantasy-Trilogie veröffentlicht, der dritte und letzte Band, für den ich mir auch die Hilfe einer Sensitivity-Leserin gesucht habe, soll im Herbst 2020 erscheinen.

 

Warum war dir Sensitivity Reading bei diesem Projekt wichtig? Was war dein Ziel/Wunsch?

Ich schreibe in einem in mancher Hinsicht sehr traditionellen Fantasysetting, in dem es Zwerge, Elfen und Trolle gibt, das aber in anderer Hinsicht eher an Europa im 19. Jahrhundert erinnert. Rückblickend betrachtet fürchte ich, dass der historische Ballast traditioneller „Fantasyvölker“ dadurch eher betont als ausgeglichen wird. Ich habe den ersten Band mit 17/18 geschrieben und bin etwas naiv in das Projekt gestartet, was sich leider auch in einigen unreflektierten Formulierungen und Gesamtkonstellationen widerspiegelt. In den letzten Jahren – vor allem den letzten beiden – habe ich viel dazugelernt und gehe mit so einigen Aspekten von Fiktion weitaus bewusster um. Meine Lösung für meine neuerdings gemischten Gefühle gegenüber dem „Drúdiversum“ war es, meinen sehr verständnisvollen Verleger um ein paar Änderungen zwischen Auflage 1 & 2 von Band 1 zu bitten (ich warte sehnsüchtig auf deren Implementierung), aber vor allem bei Band 3 sorgfältig darüber nachzudenken, wen ich wie darstelle.

Dabei ging es mir vor allem um einen bestimmten Aspekt: Ich schildere das konfliktbeladene Zusammenleben zwischen Zwerg*innen und den von ihnen diskriminierten Troll*innen. Mein erster Testleser meinte, dass er an gegen BIPoC denken musste. Ich wollte daher sichergehen, dass sich das Buch nicht a) liest, als wäre es eine Analogie auf eine spezifische Situation und/oder Gruppe in unserer Welt, und dass b) Mechanismen von und Diskriminierung nicht unzulässig vereinfacht oder gerechtfertigt werden. 

Dabei ergeben sich durch ein „tolkieneskes“ Fantasysetting besondere Fallstricke, weil z.B. Troll*innen traditionell mit „Primitivität“, Gewalt und Dummheit in Verbindung gebracht werden – Eigenschaften, die auch Opfern von kolonialer Unterdrückung zugeschrieben wurden – und weil das Konzept verschiedener „Fantasyvölker“, oft mit typischen Stärken und Schwächen, sehr zu Essentialismus einlädt. Das war also etwas, dessen ich mir beim Schreiben und Überarbeiten bewusst sein und dem ich entgegenwirken musste. Und dafür habe ich mir dann Hilfe geholt.

 

Mit welchen Sensitivity Readern hast du zusammengearbeitet und wie lief es ab?

Ich kannte Nora Bendzko bereits von Buchmessen und fand sie sehr sympathisch, und als ich auf sensitivitiy-reading.de gesehen habe, dass sie auch Sensitivity Reading zu anti-Schwarzem anbietet, hat es sich angeboten, sie anzuschreiben.

Der persönliche Kontakt im Voraus hat es mir leichter gemacht, um Hilfe zu bitten – Sensitivity Reading ist nützlich und wichtig, aber es ist nicht stressfrei. Immerhin legt eine Person ein ihr persönlich am Herzen liegendes Projekt einer fremden/beinahe fremden anderen Person vor, die wiederum aus unter Umständen sehr schmerzhaften persönlichen Erfahrungen schöpft, um es konstruktiv zu kritisieren.

Mein Sensitivity Reading erwies sich allerdings als sehr entspannt. Wir haben uns per Mail über Zeitrahmen, Schwerpunkte und Preis geeinigt, und dann ging es los. Es gab ein kleines technisches Problem auf meiner Seite, durch das sich alles ein bisschen verzögerte, aber nachdem die Mail mit dem Manuskript dann tatsächlich draußen war, hatte ich schnell eine Antwort in Form meines kommentierten Manuskripts und einer ausführlichen Mail, in welcher Nora ihren Gesamteindruck mitteilte und mir den historischen/politischen Kontext einiger ihrer Anmerkungen genauer erläuterte. Es gingen dann noch ein oder zwei weitere Mails hin und her, in denen sie mir Rückmeldungen zu meinen Lösungsideen gab. Meine Nervosität hat sich schnell aufgelöst.

 

Inwiefern hat es deinen Roman beeinflusst?

Ein Großteil der Änderungen fand auf der Ebene von Details und Formulierungen statt. Zum Beispiel habe ich stark heruntergeschraubt, dass sich Zwerg*innen von der körperlichen Präsenz von Troll*innen eingeschüchtert fühlen bzw. an anderer Stelle betont, dass die zwergische Zuschreibung von Gewaltpotenzial stark übertrieben ist. Ich habe auch eine Stelle gestrichen, in der Troll*innen eine Droge konsumieren und damit handeln. Mir kam es wie eine im Kontext meiner Welt natürliche Entwicklung vor, dass Angehörige einer Gruppe, der viele andere Berufszweige versperrt sind und die mit Verzweiflung und Perspektivlosigkeit umgehen müssen, eher versucht sind, sich zu betäuben bzw. nach alternativen, womöglich illegalen Einnahmequellen suchen müssen. Nora machte mich jedoch darauf aufmerksam, dass sich hier eine Assoziation mit Cannabis-Konsum und rassistischen Klischees aufdrängte, sodass ich das gestrichen habe. Sehr wertvoll war auch ihre Ermunterung, in kurzen, den drei Überabschnitten des Buches vorangestellten Zitaten, eine der beiden zentralen Troll-Figuren zu Wort kommen zu lassen. Im eigentlichen Text erscheint sie hilfsbereit, aber primär wütend und verschlossen. Die Zitate zeigen ihre melancholische, reflektierte Seite und erinnern an den großen persönlichen Verlust, der ihr Verhalten motiviert. Außerdem sorgen sie dafür, dass nicht nur Zwerg*innen, Menschen und Elfen zu Wort kommen.

Es gab noch viele andere Änderungen, die sie vorgeschlagen hat und die ich nahezu komplett übernommen habe.

 

Was hast du für dich persönlich mitgenommen?

Zunächst mal hat sich die schon zuvor allmählich dämmernde Erkenntnis, wie sehr bestimmte literarische Tropes, die ich einfach als Teil des Genres Fantasy akzeptiert habe, doch das Produkt eines bestimmten kulturellen Kontexts und mit bestimmten Codierungen aufgeladen sind, verstärkt. Ich habe auch einiges über verschiedene Klischees und Assoziationen gelernt, deren Existenz mir höchstens unterschwellig bewusst war, und die ich in Zukunft werde vermeiden können. Tatsächlich habe ich nicht nur sehr hilfreiche Anmerkungen erhalten, sondern auch indirekte Denkanstöße, denen ich weitere Überarbeitungsideen verdanke. Ich war auch überrascht, wie einfach sich viele Änderungen umsetzen ließen. Ich bin sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit und möchte auf jeden Fall auch für zukünftige Projekte Sensitivity-Leser*innen hinzuziehen, wenn die Thematik es erfordert.

 

Nora Bendzko (Sensitivity Reader)

 

Profilbild Nora Bendzko
(c) Radka Klein, Nachtfrost Photography.

Gestatten, Nora Bendzko. Autorin der dunklen Phantastik, Rock- und Metal-Sängerin, Lektorin und Studentin – in dieser Reihenfolge. Mit meiner mehrfach preisnominierten „Galgenmärchen“-Reihe durfte ich schon etwas Bekanntheit in der Szene erlangen. Neben meinem Studium der Deutschen Philologie lektoriere ich, wobei ich vor einiger Zeit mit Sensitivity Reading begonnen habe. Als Kind einer deutsch-marokkanischen Familie, mit einem weißen Vater und einer Woman of Color mütterlicherseits, spezialisiere ich mich auf kulturell hybride Identität, im Englischen „mixed” genannt.

 

Was war an dem Projekt herausfordernd/besonders?

Tatsächlich habe ich die Zusammenarbeit mit Swantje Niemann als überaus angenehm empfunden. Nicht nur brachte sie schon Grundwissen zu rassistischen Problematiken mit, sie zeigte auch eine große Lernbereitschaft und den ehrlichen Willen, mein Sensitivity Reading bestmöglich umzusetzen. Wir haben uns sehr gut über Baustellen und mögliches Potenzial in ihrem Buch unterhalten.

Manchmal kann der erste Austausch im Sensitivity Reading für die Autor*innen herausfordernd sein, gerade, wenn sie eigene unbewusste Vorurteile hinterfragen müssen. Das habe ich bei Swantje nie gespürt. Am Ende unserer Zusammenarbeit blieb ich mit dem Gefühl zurück, sie kreativ angeregt und ihr mehr Sicherheit für ihr Buch gegeben zu haben. Schöner kann es eigentlich nicht sein. 

 

Was möchtest du anderen Autor*innen mitgeben?

Immer wieder sehe ich Angst in der Szene, „andere” Figuren zu schreiben, ob es nun Geschlecht, Ethnie, Sexualität oder andere sensible Themen betrifft. Es ist oft die Angst vor schädlichen stereotypen Darstellungen und für diese verurteilt zu werden. Geht so nicht an das Thema heran. Angst ist lähmend und nicht produktiv.

Selbst, wenn euch jemand eine diskriminierende Darstellung vorwerfen sollte – es ist Kritik wie jede andere. Diese Themen sind emotional, dadurch kann Kritik scharf ausfallen, vielleicht mit persönlichen Ebenen verschwimmen. Aber es geht letzten Endes nur um den Text, nicht den*die Autor*in als Person. Nehmt die Kritik an, anstatt sie abzublocken oder gar die Leute anzugehen, die sie geäußert haben. Bleibt dankbar und professionell und handelt nicht anders wie bei jemanden, der etwas Unaufgeregtes z. B. den Spannungsbogen an eurem Buch bemäkelt. Wachst daran.

Eure Leserschaft wird euch nicht an einer einzigen Textstelle beurteilen, sondern an euren Taten, euren Reaktionen auf sensible Themen. Und wenn ihr ein solches Thema gezielt in eurem Buch angehen wollt, ist Sensitivity Reading als spezialisiertes Testlesen die richtige Anlaufstelle. Seht die wachsende Diversifizierung der Literaturwelt nicht als Gefahr für euch, sondern als die neue kreative Möglichkeit, die sie ist.